Gleich zu Beginn der Corona-Pandemie passierte etwas Spannendes. Noch schneller als Änderungen unseres sozialen Lebens, änderte sich eine andere Sache: meine Meinung. Ich bezeichne mich durchaus als gefestigte Persönlichkeit, aber plötzlich änderte sich meine Meinung zu vielen Dingen in rapider Geschwindigkeit. An einem Tag fand ich Masken noch “völlig übertrieben”, am nächsten Tag “unverzichtbar” und wieder ein paar Tage später hielt ich jeden, der ohne Maske in den Supermarkt ging (bzw. es versuchte) für “unverantwortlich”.

Dass sich meine Meinung so schnell änderte und so biegsam und flexibel war, war eine interessante Erfahrung. Meine “Meinungsänderung” fand dabei durchaus in Abhängigkeit mit neuen Nachrichtenmeldungen und sozialen Verordnungen sowie Gesprächen mit Freunden statt, aber trotzdem fragte ich mich: Ist unsere Meinung tatsächlich so biegsam? Und sind unsere Meinungen dann eigentlich noch so interessant, wie wir glauben?

Schon vor Corona habe ich ein Kapitel in meinem neuen Buch geschrieben (erscheint im Herbst) in dem es um folgendes Thema geht: Unsere Geschichte, die Ereignisse, die wir erleben, sind wichtiger als unsere Meinungen. Und wir können ganz anders mit den Menschen in unserem Leben kommunizieren, wenn wir unsere Geschichten teilen statt unsere Meinungen.

Was ist der Unterschied zwischen unserer Meinung und unserer Geschichte?

Bei einer Meinung “bewerten” wir Dinge und wir positionieren uns auch oft auf einer Skala. Wir sind “für” oder “gegen” etwas. Wir finden etwas “gut” oder “schlecht”. Unsere Meinung ist meistens gar nicht so interessant, wie wir vielleicht glauben.

Wenn wir unsere Geschichte teilen, dann erzählen wir, was wir erlebt haben, was wir gesehen haben, wie wir uns gefühlt haben. Das kann anderen erlauben, die Welt durch unsere Augen zu sehen und mit uns mitzufühlen.

Unsere Geschichte zu teilen, statt unsere Meinung kann besonders dann hilfreich sein, wenn man sich im “Corona-Jetlag” – befindet.

Dazu ein persönliches Beispiel:

Meine Eltern, Geschwister und ich wohnen seit langem in verschiedenen Orten, Ländern und Kontinenten. Meine Eltern leben im Rheinland in einem kleinen Dorf, mein Bruder in San Francisco, meine Schwester in Berlin und ich wohne in Wien. Auch wenn wir normalerweise schon in verschiedenen “Zeitzonen” leben, hat die Corona-Pandemie dieses Erlebnis verstärkt.

Was bei dem einen erlaubt war, war bei dem anderen längst verboten und bei dem dritten auf dem Weg nicht mehr erlaubt zu sein. Wir hatten alle eine Art “Corona-Jetlag”.  Für diesen muss man nicht einmal in verschiedenen Ländern wohnen, sondern es reichen schon andere Bundesländer, in denen dieser “Jetlag” auch zu spüren ist.

“Ihr habt WAS am Wochenende gemacht?”, fragte ich meine Eltern Mitte März entsetzt, als sie mir erzählten, dass sie eine Tante von mir besucht hatten.

Österreich hatte – nach dem Ischgl-Diseaster – noch vor Deutschland eine Ausgangssperre und Kontaktverbot ausgerufen und ich war entsetzt, dass meine Eltern noch andere Menschen trafen. Was aber eigentlich passiert war, war, dass in Deutschland die Ausgangs- und Kontaktsperren (und auch die mediale Berichterstattung dazu) zeitversetzt stattfanden. Meine Eltern hatten nichts falsch gemacht, es hatte sich nur – bedingt durch meine eigene Corona-Zeitzone – so angefühlt.

Jeder von uns erlebt die Pandemie anders und individuell und der Ort, wo man diese Pandemie verbringt spielt plötzlich eine entscheidende Rolle, in welcher “Corona-Zeitzone” man sich aktuell befindet. Was erlaubt ist und was nicht beeinflusst plötzlich wie wir unser eigenes Verhalten und das unserer Mitmenschen bewerten. Dabei müssen wir mit unserer Bewertung aber nicht unbedingt richtig liegen…

Man schafft es aber aus dieser Meinungs- und Bewerten-müssen-Falle wieder raus zu kommen, wenn man nicht seine Meinung teilt, sondern seine Geschichte und Erlebnis. Aber wie geht das?

Wie schafft man es, seine Story zu teilen, statt seine Meinung?

Wir bilden uns unsere Meinung auch unbewusst mit Fragen wie den folgenden:

• Wie finde ich das?

• Wie bewerte ich das?

• Was ist meine Meinung?

Stattdessen können wir fragen:

• Was habe ich erlebt?

• Was habe ich gesehen?

• Wie habe ich mich gefühlt?

Erzähle die Details

In den Gesprächen mit meiner Familie habe ich gemerkt: Wir müssen keine großen Stories erzählen, sondern es sind gerade die Details spannend.

• Die Tatsache, dass ich meinen Kaffee per E-Mail bestelle und dann bei dem Café um die Ecke meinen To-Go-Becher abhole;

• dass vor dem Schließen der Büros, bei meinem Bruder eine Person für die Desinfektion einer einzigen Türklinke zuständig war, die in die Cafeteria führte;

• das Café, das jetzt bei der Wieder-Öffnung seine Tische pro Stunde “vermietet” und berechnet, um über die Runden zu kommen.

Gerade diese Details sind spannend.

(Meine Geschichten haben viel mit Gastronomie zu tun, weil Cafés, Restaurant, deren Besitzer und Menschen, die diese aufsuchen ein zwar kleiner, aber doch unglaublich wichtiger Teil meines Lebens waren und auch jetzt – in veränderter Form – weiterhin sind)

Stories erzählen, statt zu bewerten

Mit diesem Shift können wir sofort anfangen. Beim nächsten Telefongespräch mit den Eltern, beim nächsten Zoom-Meeting oder Social Distancing-Treffen können wir unsere Geschichte erzählen, statt unsere Meinung.

Ich hatte immer das Gefühl, mit Geschichten weiter zu kommen, als mit Meinungen. Meine Meinung ist nicht sonderlich interessant, aber mit meiner Geschichte, erlaube ich einer anderen Person die Welt für einen Moment durch meine Augen zu sehen. Und das ist jetzt notwendiger als zuvor.