Ich schreibe gerade ein Buch. Es ist nicht das erste größere Schreibprojekt, das ich habe, aber das Erste, bei dem ich es anders machen will. Anders als früher. Ich gehöre nämlich zu den Leuten, die nicht prokrastinieren, sondern das Gegenteil – prekrastinieren.

Als ich vor sechs Jahren meine Dissertation schrieb, war ich zu früh fertig. Soviel zu früh, dass ich hinterfragte, ob das, was ich da geschrieben hatte, wirklich gut sei. Das hatte zur Folge, dass ich meine halbe Dissertation völlig neu schrieb. Wurde meine Arbeit dadurch besser? Ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil, irgendwann hatte ich das Gefühl, soviel zu verbessern, dass sich meine Arbeit verschlechterte.

Falls ihr auch zu den Leuten gehört, die jede Deadline einhalten oder ihrer To-Do-Liste immer einen Punkt voraus sind, dann: Willkommen im Club der Prekrastinatoren! 🙂

Was ist Prekrastination? Die Facts.

Der Begriff “Prekrastination” stammt von dem Psychologie-Professor David Rosenbaum und die englische Wikipedia definiert ihn folgendermaßen (auf Deutsch gibt es noch keinen Eintrag, was aber nicht heißt, dass es das Phänomen bei uns nicht gibt 😅):

“The completion of a task too quickly or too early, when taking more time would result in a better outcome”

Rosenbaum führte 2014 eine Studie zu dem Thema durch und brachte als Erster den Begriff auf. In dieser Studie mussten Probanden einen von zwei Körben durch einen Raum schleppen (wobei einer der Körbe näher am Ausgang platziert war). Trotzdem nahmen einige der Prekrastinatoren den Korb, der näher an ihrer Ausgangsposition stand und den sie länger schleppen mussten.🤷‍♀️

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: manchmal gehen wir Dinge zu früh an, vor allem, wenn wir eine lange To-Do-Liste haben. Das sagt auch ein Artikel in der New York Times, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Der Tenor dieses Artikels ist: Es gibt für alles die richtige Zeit und diese Zeit muss nicht unbedingt jetzt sein.

Man muss jetzt zwar nicht Marcel Proust-mäßig vierzig Jahre lang sein Plätzchen in den Kaffee tunken, bevor man sich mit seinem Lebensprojekt beschäftigt, aber ich finde die Idee sehr spannend, warum wir Dinge eigentlich zu früh angehen.

Ein Grund ist sicher, dass wir froh sind, Dinge “vom Tisch zu haben”, “abzuschließen”, “nicht mehr daran zu denken”. Dann natürlich auch dieses großartige Gefühl, Dinge erreicht zu haben und mit Häkchen auf der To-Do-Liste zu versehen. Check ✅

Aber viele Dinge lassen sich nicht beschleunigen: es bringt nichts vier Wochen vorher für eine Party einzukaufen, zwei Stunden zu früh bei einem Termin zu sein, Eier nach drei Minuten aus dem kochenden Wasser zu holen. Und doch gibt es etliche Stories, die wir uns erzählen, dass “früh” besser ist.

Der frühe Vogel und andere Stories, die wir uns erzählen

Es gibt etliche Sprichwörter, die uns suggerieren, dass früh besser ist als später:

“Der frühe Vogel fängt den Wurm”

“Carpe Diem”

“Morgenstund hat Gold im Mund”

Und im englischen auch die: “First Mover Advantage”

Je früher, desto besser – so lautet die Story, die uns erzählt wird. Aber ist es wirklich gut, seiner Zeit – wenn auch nur für ein paar Stunden, am Morgen – voraus zu sein? Gerade die Story vom frühen Aufstehen, die mit Erfolg, Motivation und noch tausend anderen tollen Dingen gleichgesetzt wird, hält sich hartnäckig.

Aber : Sollte der frühe Vogel nicht lieber mal ausschlafen anstatt mit halb geöffneten Augen vor dem Kaffeebecher oder deliriös vor seiner Inbox zu sitzen? Als bekennender Spätaufsteher hat mich die Meldung vor einigen Jahren sehr gefreut, die erklärt, dass eine genetische Disposition dafür verantwortlich ist, ob wir besser früh oder spät arbeiten können. Trotzdem hält sich die Story vom early bird nach wie vor hartnäckig. Und wird von aktuellen Büchern wie “The 5 AM Club” weitergetragen.

Dass “früh” nicht immer besser ist sagt auch folgendes Sprichwort: “The second mouse gets the cheese”🧀Und Hollywood.

Spät ist besser als zu früh

In dem Podcast Happier in Hollywood, haben die TV-Produzentinnen Liz Craft und Sarah Fain, kürzlich erklärt, wieso es besser ist Projekte erst später (auf keinen Fall aber vor der Abgabefrist einzureichen). In Hollywood gibt es eine “Pilot-Season”, d. h. eine Zeit, in der neue Pilotfolgen eingereicht werden. In dieser Zeit – sagen Liz und Sarah – ist es wichtig, sein Drehbuch-Skript nicht zu früh einzureichen.

“Wir glauben, dass viele Projekte benachteiligt sind, weil sie zu früh eingereicht werden”, erklärt Sarah Fain in einer aktuellen Folge.

Die beiden bezeichnen das Phänomen als “Project Fatigue“, Projekt Müdigkeit.

“Was passiert ist, dass die Leute dein Projekt langweilig finden, einfach weil in der Zwischenzeit neue Projekte eingereicht werden”, erklärt Liz Craft. “Und die fühlen sich besser an, einfach weil sie neu sind!”

“Und was noch passieren kann, ist, ein Projekt wird ‘over-worked’. Man arbeitet zuviel an einem Projekt, einfach weil man zuviel Zeit hat und dieses damit aber nicht verbessert.”

Liz’ und Sarahs Motto ist daher, Dinge spät abzugeben:

“Niemand erinnert sich daran, dass du etwas zu spät einreichst. Aber alle erinnern sich daran, wenn es schlecht ist.”

Ich finde das sehr spannend. Vielleicht gilt das, was für Hollywood gilt, ja auch für uns, gerade wenn es um Einreichungen geht, bei der mehrere Projekte eingereicht werden. In jedem Fall glaube ich: Timing is everything und das gilt auch für die eigene Arbeit.

Von den Besten lernen

Was mein Buch angeht, bin ich – dank näher rückender Deadline – inzwischen aus der “Gefahrenzone” heraus. Ich habe aber vorher viel gemacht, was zwar irgendwie mit dem Buch zu tun hat, aber nicht so viel mit Schreiben.

Zum Beispiel:

• Ideen auf Post-its geschrieben und an meine Tür geklebt (zu sehen im Header-Bild)

• mit meinem Hund in den Wald gefahren

• mit Freunden/Verwandten/Baristas/Taxifahrern/Ärzten/Apothekern/meiner Oma über Themen in meinem Buch geredet und dabei sehr viel gelernt

• Artikel geschrieben. Vorträge gehalten.

• Wein getrunken

• Bei Spar an der Kasse eine neue Idee gehabt und dann bemerkt, dass ich das Olivenöl vergessen hatte.

• Weihnachten gefeiert. Und Silvester.

• 70 %-ige Lindt-Schokolade gegessen (The best! 😋🍫)

Was passiert ist, ist, dass ich – wie sonst – anstatt direkt loszuschreiben, mir Zeit genommen habe für viele Gespräche und neue Ideen. Und das macht mein Buch besser als zehnmaliges Umschreiben.

Der Takeaway

Es gibt nicht nur Prokrastination, sondern auch das Gegenteil – und das ist nicht unbedingt besser. Jede Aufgabe hat ihre Zeit. Und es geht nicht nur darum, Projekte vom Tisch zu kriegen und sich für einen Moment gut zu fühlen.

Statt zu früh fertig zu sein, können wir Prekrastinatoren von unseren Fellow-Procrastinator-Friends lernen. Und anstatt verbissen an einem Projekt zu arbeiten, lieber mal spazieren gehen, schwimmen, ins Café. Uns langweilen, Netflix gucken. Und oft hat man gerade dann die besten Ideen.