Autorin • Unternehmerin • Speakerin

Warum Sie Bonbons von Fremden annehmen sollten

Vor zwei Jahren saß ich in San Francisco in einem Uber. In weniger als zwei Minuten erzählte mir der Fahrer nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern auch die seines Hundes “Uncle Rocko”. 

“Ich hab’ ihn aus dem Tierheim”, erklärte der Fahrer gut gelaunt, während Uncle Rocko auf meinen Sitz sprang und versuchte meinen Hals abzulecken. 

Immer wenn ich in ein Uber steige, überrascht es mich selbst,  wie vertrauensvoll und enthusiastisch ich mich zu völlig Fremden in Autos mit abgedunkelten Scheiben setze. Gefühlt bestand meine ganze Kindheit daraus, dass meine Eltern mich genau vor dieser Situation warnten. Aber inzwischen gehört es zu einem festen Teil meines Lebens, mich von Fremden nach Hause bringen zu lassen. Und manchmal haben die Fahrer sogar Bonbons dabei.   


Als ich in San Francisco gearbeitet habe, bin ich regelmäßig nicht nur zu einem Fremden ins Auto gestiegen, sondern zu mehreren. Der Service nennt sich Uber Pool und ist im Prinzip wie ein Bus, der aber jeden einzelnen direkt nach Hause bringt. Ich vermisse diese Uber Pool-Fahrten, die immer ein bisschen was von einem sozialen Experiment hatten mit dem Motto:

“Lass uns diese völlig verschiedenen Leute zusammenbringen und sehen, was passiert.”

Während ich in San Francisco lebte, habe ich mir den Rücksitz mit Anwälten, Hunden, Unternehmern und – meine persönliche Vermutung – Drogendealern und Rockstars geteilt. Mitreisende haben neben mir K-Pop gesungen oder mir ihr Startup gepitcht. Ich war – je nachdem, wer neben mir saß – Reiseführer, Therapeut, Sex Coach oder Unternehmensberaterin und habe mich manchmal beim Aussteigen gefühlt, als ob ich eigentlich für die Fahrt bezahlt werden sollte. 

Ich steige nicht nur zu Fremden ins Auto, ich übernachte auch bei Leuten, die ich noch nie gesehen habe.

Und damit hat sich etwas ganz grundlegendes verändert: meine Einstellung zu Menschen, die ich nicht kenne. 

Was ich in den USA immer wieder erfahren habe, ist ein Vertrauensvorschuss, den man dort immer wieder geschenkt bekommt. So à la “Hey, wir sind beide im gleichen Café, Büro, Kloschlange also musst du super sein!” Dieser Vertrauensvorschuss hat mir immer extrem gute Laune gemacht.  

In Europa hingegen habe ich zumindest früher oft das erlebt, was ich einen Misstrauensvorschuss nenne. Immer wenn ich mich irgendwo neu vorgestellt hatte, musste ich mich erstmal beweisen, zeigen, dass ich ein guter Typ war und Wertschätzung verdient hatte. 

Doch genau das ändert sich jetzt gerade! Jedes Mal, wenn ich auch in Wien zu einem Fremden ins Auto steige, erzähle ich mir selbst eine neue Story: “Ich vertraue dir, dass du mich sicher nach Hause bringst. Auch wenn wir uns nicht kennen.” Und manchmal bekomme ich dazu noch ein Bonbon. Nur zur Sicherheit.

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