Autorin • Unternehmerin • Speakerin

Was ich von einem Alligator-Flüsterer über Schubladen-Denken, Extreme und Storytelling gelernt habe

“Du wirst nicht von Ihnen gefressen”, erklärt mir ein Typ im Neopren-Anzug. “Alligatoren beißen meist nur einen Arm oder einen Fuss von dir ab, aber wenn du im Wasser bist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, zu ertrinken. Du stirbst also nicht am Alligator-Biss, sondern, weil du Wasser in die Lunge bekommst.” 

Ich stehe vor einem Teich irgendwo in den Everglades in Florida und direkt vor mir schwimmt ein drei Meter langer Alligator. Normalerweise hätte ich jetzt eine wahnsinnige Angst, aber das hier ist keine normale Situation. 

Ich bin in einem Rescue Center für Alligatoren und bin hier um Chris Gillette zu interviewen, der Biologe ist, Forscher und “Alligator-Flüsterer.” Er vertraut seinem Alligator “Casper” so sehr, dass er regelmäßig zu ihm in den Teich steigt und mit ihm schwimmen geht.

Ich bin weniger wegen den Alligatoren hier, sondern mehr wegen Chris. Als Story-Expertin und Geschäftsführerin einer Story Academy helfe ich mit meinem Team Menschen, ihre Story zu erzählen und zu finden. Herauszufinden, was es ist, warum sie das machen, was sie machen. Und nicht nur eine tolle Story zu erzählen, sondern auch zu leben. 

Für meine Recherchen reise ich regelmäßig in das Land des Storytellings: in die USA. Hier wird Storytelling gesellschaftlich gelebt. Hier kann jeder seine Story erzählen: vom Taxifahrer bis zum Kindergartenkind. Mich interessiert: wie erzählen die Menschen ihre Story? Und wie leben sie diese? Ich habe in den letzten Jahren die Redenschreiber von Barack Obama getroffen, Harvard Professoren, Hollywood-Produzenten, Investoren im Silicon Valley, aber auch Menschen mit sehr außergewöhnlichen Lebensentwürfen. Wie Chris.

Mit Alligatoren ins Wasser steigen.

“Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich zehn Jahre alt war”, erzählt mir Chris. “Die Wochenenden habe ich damals bei meinem Vater verbracht und er wusste nicht so wirklich, was er mit mir machen sollte. Aber weil wir in Florida waren, wo Alligatoren ein großes Thema sind, war die Idee jedes Wochenende die gleiche: ‘Lass uns Alligatoren-gucken gehen.’ So bin ich zu dem gekommen, was ich jetzt mache. Und ich habe angefangen mit den Tieren zu arbeiten.” 

“Ich hab sie aufgezogen und trainiert seitdem sie ein Baby ist. Aber eines Tages und völlig unerwartet, hat sie mich angegriffen und wollte mir den Hals durchbeißen. Weil sie nur 50 kg wiegt, konnte ich mich verteidigen und sie zu Boden ringen. Ich versuchte einfach nur zur Tür zu kommen. Dann griff sie mich wieder an. Ich warf sie zu Boden. Dann wieder. Sie hat mich fünfmal angegriffen, bevor ich aus dem Käfig rausgekommen bin.”

Ich sehe zu, wie Chris in den Teich zu Casper steigt und mit ihm schwimmen geht. Wie Chris mit dem Alligator umgeht, sieht es aus, als würde er einen zahmen Hund im Wasser dirigieren. Ich habe kurz das Bedürfnis, den Alligator zu streicheln. 

“Wenn du mit diesen Tieren arbeitest, ist es so leicht, sie als Haustiere zu sehen. Das sind sie aber nicht. Wir Menschen denken immer in Extremen: Entweder sind Alligatoren Killer-Maschinen oder wir sehen in ihnen süße Haustiere, die wir streicheln wollen.” 

Ich fühle mich ertappt. Genau zwischen diesen Extremen schwanke ich in der letzten Stunde hin und her. 

“Es ist wie mit allem im Leben: Es ist nicht schwarz-und weiß. Es ist ein Spektrum,” sagt Chris.  

Im Leben und beim Storytelling ist es leicht in Schubladen zu denken: Gut und böse. Schwarz und weiß. Aber was ich überall in den USA bemerke, ist, dass es eine neue Art des Storytellings gibt und eine neue Art über das Leben nachzudenken. 

Egal wohin man schaut: Es geht nicht mehr darum, Heldengeschichten zu erzählen, sondern die Geschichten von Menschen. Menschen, die nicht in Schubladen passen, sondern die Komplexität leben. 

Unser Leben ist viel zu komplex geworden, um in eine Heldengeschichte zu passen. Und das sieht man bei Unternehmen, in der Leadership-Kommunikation oder in neuen Netflix-Serien. Es gibt eine neue Art des Storytellings. Eine neue Art über Geschichten und auch über die eigene Geschichte nachzudenken. Und die betrifft jeden von uns. 

Es ist wichtiger als je zuvor, die eigene Story zu teilen, eigene Erfahrungen mitzuteilen und die eigene Komplexität nicht hinter einer Hülle zu verstecken, sondern ganz bewusst zu zeigen. Weg mit Heldengeschichten und Schubladen, her mit echten Menschen und Stories. Das gilt auch für unsere ganz persönliche Geschichte. 

Ich habe viele Jahre in den USA gelebt und dort erfahren, wie Storytelling gesellschaftlich gelebt wird und was das bringt. Wenn wir wissen, was unsere Geschichte ist, können wir ganz leicht Beziehungen zu den Menschen um uns herum aufbauen. Und wenn wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, erkennen wir, was uns antreibt und was wir wirklich wollen, wir sehen rote Fäden, die vielleicht auf den ersten Blick nicht sichtbar waren, und wir können unser Leben mit diesem Wissen besser gestalten. Gemäß der “Story first”-Methode können wir unsere Geschichte planen, die Muster in unserem Leben erkennen und unser Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen.  

Storytelling bietet Tools, das eigene Leben zu designen und sich selbst zu fragen: Warum mache ich das, was ich mache? Was treibt mich an? 

Unsere Geschichte besteht aus zwei Teilen: Unserer Motivation (warum machen wir das, was wir machen?) und unserer Perspektive (wie sehen wir die Welt?). Wenn wir das herausgefunden haben, sind auch unsere nächsten Schritte klar. 

Was mich persönlich antreibt ist, neue Storys zu erleben und außergewöhnliche Menschen kennenzulernen die mit ihren Storys meine Welt größer machen. Aus jeder dieser Begegnungen nehme ich etwas mit. Für mich selbst und meine Arbeit. 

••• 

Irgendwann steigt Chris aus dem Wasser und begleitet mich nach draußen. Auf dem Weg durch das Rescue Center kommen wir am Käfig von einem Florida Panther vorbei. 

“Nicht streicheln”, ruft Chris. “Er ist extrem bissig.” 

Ich weiß nicht, ob ich schon einmal so nah, an einem Panther vorbeigegangen bin. Und schon wieder schwanke ich zwischen diesen Extremen: Haustier – Raubtier – Haustier – Raubtier. Das Tier ist vielleicht 20-30 Zentimeter von mir entfernt. Chris hält seine Hand gegen das Gitter und die Katze reibt ihr Gesicht an seiner Hand und schnurrt. 

“Ist dir eigentlich mal irgendwann was passiert?”, frage ich.  

“Allerdings!”, sagt Chris. “Das hier ist Sabal”, sagt er und deutet auf den Panther Käfig nebenan. “Ich hab sie aufgezogen und trainiert seitdem sie ein Baby ist. Aber eines Tages und völlig unerwartet, hat sie mich angegriffen und wollte mir den Hals durchbeißen. Weil sie nur 50 kg wiegt, konnte ich mich verteidigen und sie zu Boden ringen. Ich versuchte einfach nur zur Tür zu kommen. Dann griff sie mich wieder an. Ich warf sie zu Boden. Dann wieder. Sie hat mich fünfmal angegriffen, bevor ich aus dem Käfig rausgekommen bin.” 

“Und was hast du dann gemacht?”, frage ich Chris. 

“Nach 20 Minuten bin ich wieder reingegangen.” 

••• 

Storytelling ist ein revolutionärer Akt, das eigene Leben zu gestalten. Nicht blind und unabhängig von Rückschlägen und Hindernissen, sondern diesen zum Trotz. Zu wissen: Warum machen wir das, was wir machen? Und den Mut zu haben, diese Story dann auch zu leben. 

Mit unserer Academy bieten wir Workshops, Impulse und Trainings für Unternehmen, Teams und Privatpersonen an. Schaut einfach mal hier vorbei: https://rebeccavogels.com/academy_/ 

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Rebecca Vogels

Rebecca Vogels ist Autorin, Unternehmerin und Keynote-Speakerin. Sie hat in den USA gelernt, welche Rolle Storytelling spielen kann – für Menschen und Unternehmen.

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